De Äppelwoi-Knigge
oder:
Wie man sich in einer Äpfelweinwirtschaft benehmen sollte, damit man nicht sofort als Auswärtiger erkannt wird
Ankommen
‚Zum Äppelwoi’ können Sie unbedenklich zu jeder Tageszeit gehen. In der Äpfelweinwirtschaft treffen sich bereits mittags Menschen, die um diese Uhrzeit niemals am Tresen einer Bierkneipe sitzen würden. Eine richtige Äpfelweinwirtschaft erkennt man an den großen Tischen im Gastraum, an denen in erster Linie lange Bänke stehen, nur wenige Stühle gibt es im Lokal. Ein weiteres untrügliches Zeichen für eine Äpfelweinwirtschaft sind die bis etwa zur Hälfte mit Holz getäfelten Wände. Der schlechtgelaunt wirkende Herr hinter der Theke ist der Äpfelweinwirt. Bei seiner verantwortungsvollen Tätigkeit, in stoischer Ruhe die Gerippten mit Göttertropfen zu befüllen, stören Sie nur im Äußersten Notfall, und niemals beim ersten Besuch. Im Übrigen erkennen Sie Wirt und Servicepersonal ganz einfach an der eher mißmutg, eigenartig unbeteiligten Miene. Anders als in Bierwirtschaften, die sich meist durch eine vordergründige, aber aufgesetzte Fröhlichkeit des Verkaufspersonales auszeichnen, sind in einer Äpfelweinwirtschaft die Gäste fröhlich. Und das reicht ja auch. Thekensteher sind in einer Äpfelweinwirtschaft nicht gerne gesehen, deshalb gibt es hier keine Thekenplätze. Sehen Sie doch einmal jemanden beim Schoppen an der Theke stehen, so handelt es sich um einen Menschen, der in der Hierarchie der Gäste ganz oben steht. Gegenüber dieser Spezies Gast verhält man sich zuvorkommend, ohne aufdringlich zu wirken. Auf keinen Fall, wirklich unter keinen Umständen, stellen Sie sich einfach dazu und bestellen auch einen Apfelwein! Ansonsten gilt die Kontaktpflege in der Äpfelweinwirtschaft als überaus wichtig. Apfelwein ist ein ‚Babbelwasser’ und alleine babbelt es sich genau so langweilig, wie mit dem Partner, dem man alles schon mehrfach vor- und rückwärts erzählt hat. Egal, ob die Wirtschaft voll oder leer ist – Sie schauen einfach an welchem Tisch Plätze frei sind und gehen dort hin. Ein einfaches ‚Iss hier noch frei?’ genügt für die erste Kontaktaufnahme.
Der erste Kontakt
Sitzen Sie an einem Tisch, dürfen Sie sich keinesfalls mit Taschen, Schirmen und Mänteln verbarrikadieren, dies würde signalisieren, das Sie nicht bereit sind, diesen Platz mit weiteren Gästen zu teilen. Abgesehen davon, dass Sie ‚ebbes’ versäumen, wird ein solches Verhalten in einer Äpfelweinwirtschaft verschmäht. Es kann dann schon mal vorkommen, dass der Ober ungefragt alles zur Garderobe räumt. Nun zum Ober. In einer Äpfelweinwirtschaft ist der Ober nicht der Sklave der Gäste. Andersherum trifft es den Sachverhalt schon eher. Deshalb schon mal vorneweg: Mit Sonderwünschen, Reklamationen und Herumgenörgel sind Sie hier am vollkommen falschen Platz. Kommt der Ober nun an Ihren Tisch, was schon mal ein gutes Zeichen ist, und stellt ungefragt entsprechend der Anzahl der Neuankömmlinge Schoppen hin, nicken Sie beifällig und lassen halblaut vernehmen: ‚Die Karte bitte!’ Womit Sie keine Spielkarten, sondern die Speisekarte bestellt haben. Bringt Ihnen der Ober die Speisekarte zeitnah, ist das erste Eis gebrochen! Nun können Sie, so Sie dies möchten, eine Flasche Wasser bestellen. Ein gemurmeltes ‚Schade, das ich heute mit dem Auto unterwegs bin’ entspannt die Stimmung, der Ober hat nun nicht den Eindruck, als wären Sie der Meinung, die Zugabe von Wasser würde den Apfelwein verbessern. Unabhängig des Getränkeangebotes sollten Sie nun aber keinesfalls Bier, Traubenwein oder gar zum Spritzen für den Apfelwein Limo bestellen. Höchstens einen Apfelsaft, aber nur wenn Sie Kinder dabei haben. Es ist möglich, dass die Speisekarte für Sie als Außerhessischer erst einmal etwas schwer verständlich ist. Der Versuch, sich die einzelnen Speisen erklären zu lassen, wird fehlschlagen, denn Ober in einer Äpfelweinwirtschaft werden nicht als Redner bezahlt. Auf die Frage: ‚Herr Ober, was können Sie mir empfehlen’ könnten Sie durchaus mit der Antwort rechnen: ‚Am beste e anner Wertschaft’. Sich beim Nachbarn zu erkundigen, was er denn leckeres gegessen habe, kann in’s Leere laufen, antwortet der mit ‚Hier in der Wirtschaft noch nix’. Sitzen Sie unschlüssig vor der Karte, wird ihnen von den Tischnachbarn ungefragt Hilfe zuteil. Wenn Sie auch nur die Bemerkung vernehmen: ‚Es Esse schmeckt net, awwer wenigstens sind die Portione klein’. Solidarität unter den Gästen ist in einer Äpfelweinwirtschaft entschieden notwendig. Die Portionen sind immer zu groß bemessen, mit diesem Wissen können Sie leicht den hessischen Charme der Bemerkung Ihres Tischnachbarn einordnen.
Geschmackserlebnis
Falls Sie neuen Geschmackserlebnissen offen sind und ein gutes Stück Fleisch nicht verschmähen, ist das Risiko enttäuscht zu werden eher gering. Sind Sie des Apfelweines unkundig, versuchen Sie nicht, mit kleinen Schlucken das Getränk zu analysieren. Sie werden bestenfalls so etwas wie ‚säuerlich’, ‚wässerig’ oder ‚eigenartig’ erschmecken. Das eigentliche geschmackliche Erlebnis Apfelwein wird Ihnen jedoch verborgen bleiben. Auf den Geschmack des Getränkes achten Sie nicht bevor Sie das erste Glas geleert haben. Das sollte tunlichst geschehen sein, bevor der Ober das Essen bringt. Der Schoppen zur deftigen Speise wird Ihnen nun die erste Annäherung zum Apfelwein gewähren – frisch, fruchtig und apfelig beginnt er nun langsam Freundschaft mit Ihnen zu schließen. Ein Schoppen nach dem Essen ist unverzichtbar, seine verdauungsanregende Wirkung sorgt für ein gesteigertes Wohlbefinden. Bestellen Sie aber den Apfelwein nicht mit dem Wort ‚Äppler’, dieser Begriff gilt an diesem Ort als unseriös. Nutzen Sie einfach die Zusammensetzung aus dem Plural von Apfel, ändern das ‚f’ zu einem ‚p’ und bringen es in Verbindung zu dem Wort ‚Wein’ in der Aussprache nach dem dritten Schoppen, da machen Sie auf keinen Fall etwas verkehrt. Verzichten Sie aber auf allzu platte Sprüche wie z.B.: ‚Herr Ober, bringen Sie mir noch einen Äppelwei, aber zeigen Sie mir vorher den Weg zur Toilette’. Auch in Äpfelweinwirtschaften lacht keiner mehr über 100 Jahre alte Witze. Nur abraten können wir davon, die einsetzende Hochstimmung mit dem Rest des Lokales teilen zu wollen. Laute Gesänge oder Kostproben ihres Talentes als Parodist wirken an dieser Stelle höchst unpassend. Nun beginnt der schwierigste Teil des Abends: der Schoppen schmeckt Ihnen mit jedem Glas besser, die Gespräche mit den Tischnachbarn werden immer anregender und interessanter und trotzdem werden Sie felsenfest davon überzeugt sein, kaum Alkohol getrunken zu haben.
Finale
Deshalb ist nun Vorsicht angesagt, denn Apfelwein hat mehr Alkohol als Bier, vom Starkbier einmal abgesehen. In Äpfelweinwirtschaften wird zwar gerne gesehen, das der Gast viel trinkt. Betrunkene sind dort jedoch höchst unwillkommen. Lassen Sie sich deshalb nicht verleiten, in der Hochstimmung einen Bembel nach dem anderen zu bestellen, sondern bereiten Sie rechtzeitig den geordneten Rückzug vor. Beim Bezahlen sollten Sie die Qualität der Speisen und des Apfelweines bemerken, aber keinesfalls überschwänglich loben. Dies würde als aufgesetzt, also unehrlich bewertet. Trinkgeld sollten Sie natürlich geben, nicht zuviel und nicht zuwenig, beides könnte den Ober beleidigen. Verabschieden Sie sich von Ihren Tischnachbarn mit ‚Schönen Abend noch’, nicken Sie, dort wo ein Blickkontakt stattfindet freundlich aber zurückhaltend, bedenken Sie vor allem den Wirt mit einem wortlosen Gruß und verlassen Sie möglichst aufrecht laufend und ohne alkoholbedingte Schlenker den Tempel des hessischen Brauchtums. Und – kommen Sie morgen wieder!