Illud tempus vīnī mālī

Auf der Suche nach dem allerersten Schoppen

Alle Traditionen, die ebbes auf sich halten, suchen nach ihrem Ursprung, nach so etwas wie einem illud tempus — jenem mythischen Anfang, dem bekanntlich ein Zauber innewohnt.
Eine Frage, die auch uns als „Glaubensgemeinschaft der Äpfelweingeschworenen“ beschäftigt: Wann, wo und von wem wurde der erste Apfelwein gekeltert — nein, nicht irgendein Wein aus Äpfeln sondern unser Nationalgetränk?

Weil wir diese Frage wohl niemals beantworten können, bietet sie stets Gesprächsstoff und lädt ein zum Spekulieren und Fabulieren.
Von den vielen Erzählungen, die im Bannkreis des Bembels, im Rausch der Fantasie entstanden sind, möchte ich von dreien erzählen.
Vorweg sei eingestanden, dass keine dieser Geschichten den historischen Fakten standhält. Aber sie sind viel zu schön, um nicht in den Apfelwein-Kanon aufgenommen zu werden.

Das Patent von Karl dem Großen

Die erste Geschichte führt uns zu Karl dem Großen. Nachweislich verdanken wir ihm frühe Hinweise auf die Obstweinbereitung. Ob aber der Frankenherrscher mit dem „Reichsapfel in der Hand“ tatsächlich „floh zum Mainesstrand“, sich dort versehentlich auf den Apfel setzte und ihn somit auspresste?
Friedrich Stoltze fabulierte in seinem Gedicht weiter, Karl habe vom köstlichen Nass probiert, woraufhin er mit Begeisterung verkündete: „Ui, des schmeckt fei! Des is Äppelwei.“ Um ihn mit folgendem Schlussreim gar zum Erfinder des Apfelweins zu küren: „Gottlob, jetzt hat der Dorscht e End, gleich morje nemm ich e Padent“.6

Folgt man diesem Bericht, verdankt die Stadt Frankfurt ihre Gründung ursächlich dem Apfelwein – eine Annahme, der eine sympathische Schlüssigkeit allendhalben nicht abzusprechen ist.
Lassen wir aber einmal alle bestehenden historischen Unstimmigkeiten beiseite: Hätte Karl der Große tatsächlich vermocht, aus Äpfeln unmittelbar fertigen Apfelwein herauszupressen - ja, dann wäre er als Kaiser doch völlig überqualifiziert gewesen.

Kanonenfutter

Die zweite unserer Geschichten erzählt aus jener Zeit, als städtische Bürgergarden die Frankfurter Brücken vor Einfällen fremder Horden schützen mussten. Die Bürger jedoch – schon gar jene aus Sachsenhausen – waren der eisernen Soldatendisziplin nur höchst eingeschränkt ergeben.
Die Geschichte nahm ihren Lauf, als zwei der Gardisten ihren Posten verließen um ein paar Äpfel zu stibitzten.

Nun muss ich auf den alten Begriff „stibitzen“ eingehen. Anders als beim Diebstahl im eigentlichen Sinne wird von stibitzen gesprochen, wenn dem Besitzer kein sichtbarer, schon gar kein spürbarer Schaden entsteht. Vom reich behangenen Baum des Nachbarn einen Apfel zu pflücken, ist und bleibt zwar immer unrechtmäßig, könnte aber auch durchgehen als „zufälliger Besitzerwechsel“, wäre ein stibitzter Apfel.

Doch zurück zur Geschichte: Als der Hauptmann eintraf, wussten die beiden Äpfelräuber sich nicht anders zu helfen, als ihr Diebesgut im Kanonenrohr des ihnen anvertrauten Geschützes zu verstecken.
Dieser Missbrauch von Kriegsgerät als Apfelversteck blieb dem Hauptmann nicht unentdeckt. Sein Befehl war unmissverständlich; grimmig kommandierte er:

„Ihr Nixnutzer,
nemmt mer gleich de Kanonenputzer,
unn schafft merr deß Zeug eraus,
Aeppel sinn for mich e Graus.“

Während sie den Befehl ausführend, hantierten die beiden Kanonensteppel mit ihrem Kanonenputzer, doch statt herausgeschaffter Äpfel quoll ein Strom von Flüssigkeit hervor.
Sofort hielten sie ihre Becher darunter, probierten die fruchtige Flüssigkeit, waren begeistert und selbst der Hauptmann „fand es fei“ – „unn erfunne war de Aebbelwei!“

Wir alle wissen, dass den Sachsenhäusern so ziemlich alles zuzutrauen ist – doch ein Kanonenrohr zum Keltern von Äpfeln erscheint mir dann doch ebbes weit hergeholt. Wenn auch dem „Schwerter zu Pflugscharen“ ein apfelweinfröhliches „Kanonen zu Keltern“ hinzugefügt worden wäre.

Werners erste Apfelweinstube

Nicht minder schön erzählt ist die dritte unserer Geschichten. Adolf Klein berichtet in seiner Geschichte vom Sachsenhäuser Äpfelwein von einem Weingärtner namens Jakob Werner, der als Erster seinen selbst gekelterten Apfelwein im Ausschank anbot und damit zum „Apfelwein-Olymp“ aufgestiegen sei.

Seine Erzählung geht auf das Jahr 1665 zurück; zuweilen wird auch das Jahr 1754 genannt, als eine überreiche Obsternte die Sachsenhäuser Gärtner an die Grenzen ihrer Absatz- und Lagermöglichkeiten brachte. Um nun die kostbaren Äpfel vor dem Verderb zu schützen, habe Jakob Werner diese kurzentschlossen gekeltert. Als er begann, das Ergebnis seiner Arbeit Gästen anzubieten, sei die Polizei eingeschritten, habe den „Teufelstrank“ bis zur Klärung der Sache beschlagnahmt, aber nach Prüfung durch das Rechneiamt wieder freigegeben.

Ihm sei daraufhin eine Schankerlaubnis erteilt worden, unter der Maßgabe, die Zapfzeiten durch das Heraushängen eines Fichtenkranzes anzuzeigen. Der daraufhin einsetzende Andrang sei dermaßen stark gewesen, dass ein Konstabler den Verkehr habe regeln müssen.

In den Akten des Rates der Stadt Frankfurt finden sich Dokumente, deren gemäß das Heraushängen von Fichtenkränzen bereits ab 1641 angeordnet wurde. Damit ist belegt, dass der Apfelweinausschank in „Heckewirtschafte“ schon vor der Heldenfabel um Jakob Werner zum Alltag gehörte. Womit auch die dritte unserer Geschichten den historischen Wahrheiten nicht standhalten kann.

Wahre Geschichten?

Doch eine nüchterne, den historischen Fakten folgende Betrachtung soll den emotionalen Wahrheitsgehalt der Geschichten um unser Nationalgetränk keinesfalls infrage stellen. Denn eine Geschichte ist immer nur so gut, wie sie erzählt wird – und so wahr, wie die Menschen an sie glauben.
Denn auch wahre Geschichten müssen immer gut erzählt sein. Gut erzählte Geschichten hingegen, die müssen nicht immer wahr sein.

Epilog

Mit der Überschrift Illud tempus vīnī mālī begebe ich mich bewusst in eine Doppeldeutigkeit. Denn die christliche Überlieferung brachte die ähnlich klingenden, wenngleich aus sprachgeschichtlicher Sicht zu unterscheidenden lateinischen Wörter mālum (Apfel) und malum (Übel, das Schlechte) in eine folgenreiche Nähe. Eine Hypothek, die auf dem Apfelwein in der Wertschätzung gegenüber den Weinen aus Trauben bis heute lastet.

So lässt sich die Überschrift ebenso als „Jene Zeit des schlechten Weins“ lesen wie — in meinem Sinne — als „Der mythische Anfang des Apfelweins“. Auf diese sprachliche Benachteiligung des Apfelweins wird noch zurückzukommen sein.

Vielleicht bietet sich jedoch ein Ausweg an: vīnī mālī lässt sich schließlich auch als Anspielung auf einen verführerischen Wein verstehen — und so bringen uns Bembel und Gerippte erneut nah ans Paradies.

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