Kirschen für den König und Äpfel fürs Volk

Geschichten und Anekdoten aus dem Königreich Preußen

Noch im 18. Jahrhundert prägten Hunger und Mangel den Alltag der Menschen im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Selten waren die Vorräte ausreichend, Hungersnöte häufig, und kriegerische Verwüstungen verringerten immer wieder die Erntemengen.

Guten Herrschern galt daher die Sicherung der Ernährungsgrundlage ihrer Untertanen als ein zentrales Anliegen. Dies traf insbesondere auf Friedrich II. von Preußen zu, von dem im Folgenden die Rede sein wird. Es sollte jedoch nicht verschwiegen werden, dass die Sorge um das Wohlergehen seiner Untertanen womöglich im Bedarf an jungen, kräftigen Männern begründet lag, die für das Königreich Preußen neue Gebiete erobern sollten.
Es war die Kartoffel, die Friedrich in diesem Zusammenhang Bekanntheit bescherte.

Erdäpfel

Unter den vielen Regionalnamen, unter denen die Kartoffel bekannt ist, dürfte „Erdapfel“ die verbreitetste Bezeichnung sein. Natürlich fehlt diesem Namen jegliche botanische Berechtigung, denn die Knolle ist nicht mit dem zur Familie der Rosengewächse gehörenden Apfel verwandt.

Noch im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit bezeichneten die Menschen viele runde, ihnen unbekannte Früchte pauschal als „Apfel“, wie etwa in „Apfelsine“ oder „Granatapfel“.

Bekannt ist auch der „Goldapfel“ (pomodoro), der italienische Name für die Tomate. Die Namensherkunft leitet sich vermutlich von „pomo moro“ ab – also „Maurenapfel“. Womöglich kam die rote Frucht über damals maurisch geprägte Kulturkreise nach Italien.

Die Bezeichnung „Kartoffel“ führt sprachlich ebenfalls auf die Apenninische Halbinsel zurück. Ihr Wortstamm findet sich im italienischen tartufolo, da die Knolle den Menschen wie ein „kleiner Trüffel“ erschien. Noch zur Zeit Friedrich des Großen war im Deutschen die Form „Tartoffel“ gebräuchlich; zur heutigen Bezeichnung „Kartoffel“ bedurfte es lediglich einer Lautwandlung.

Vermutlich gewann Friedrich den Kartoffeln keinen Geschmack ab – zumindest finden sich in den Küchen- und Speiseplänen seiner Hofhaltung keine Hinweise auf ihre Verwendung.
Dennoch erkannte er rasch den großen Wert, den die Kartoffel für die Ernährung seiner Untertanen haben könnte.

Sein Ansinnen stieß jedoch auf den Widerstand seiner Landsleute, die Neuerungen gegenüber grundsätzlich wenig aufgeschlossen waren.
Aus solchen grundsätzlichen Ablehnungen gegenüber Neuem entstand der stark verallgemeinernde Ausspruch: „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.“

Diese ablehnende Haltung der ländlichen Bevölkerung versuchte der Herrscher durch Erlasse, Verordnungen und sogar „Tartoffelbefehle“ zu überwinden. Sogar Pastoren schickte er durchs Land, um die Verbreitung der Kartoffel zu fördern. Doch auch den bald als „Knollenprediger“ verspotteten Geistlichen gelang es nicht, die Vorbehalte der Landbevölkerung auszuräumen.

Die ihm zugeschriebene List zeugt von der Bodenständigkeit Friedrich II. von Preußen, die mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen in die Denkweise seiner Untertanen verbunden war.

Friedrich II. befahl den Anbau der Knollenfrüchte in seinen königlichen Gärten und ließ die Kartoffelfelder von Soldaten bewachen. Dies weckte zunächst Neugier und schließlich die Begierde seiner Untertanen. Da der König den Wachen befahl, sich schlafend zu stellen, fanden bald Nacht für Nacht Kartoffelpflanzen ihren Weg in die Gärten und Felder Berlins und seiner Umgebung. Schon bald hatte sich der Kartoffelanbau in ganz Preußen durchgesetzt.

Mag diese Geschichte auch nicht zur Gänze historisch belegt sein, so zeichnet sie doch ein treffendes Bild der menschlichen Natur.

Äpfel fürs Volk

Doch auch mit den „richtigen Äpfeln“ fremdelte das Volk – aufgrund der sandigen Böden ist es durchaus nachvollziehbar, dass man sich auf ertragreichere Anbauformen konzentrierte. Doch auch hier ließ sich Friedrich II. von Preußen nicht entmutigen. Auch wenn er, wie wir noch sehen werden, die Kirschen vorzog, erkannte der Herrscher den Nutzen des Obstbaus für seine Untertanen.

In heutiger Zeit könnte man die preußischen Förderprogramme durchaus mit „Äpfel fürs Volk“ überschreiben. Tatsächlich ließ der Herrscher Obstbäume pflanzen und förderte deren Verbreitung gezielt.

Er ließ kostenlose Setzlinge verteilen, unterstützte den Obstanbau und legte damit den Grundstein für das bis heute bekannte Havelländische Obstbaugebiet. Darüber hinaus profitierte die gesamte Mark Brandenburg von staatlichen Fördermaßnahmen und Programmen zur Förderung des Obstbaus. Die Apfelbäume leisteten somit einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Bevölkerung

Die Früchte wurden zu Saft gekeltert und zu Wein vergoren. Wenn sich auch keine so ausgeprägte Apfelweinkultur wie in und um Frankfurt am Main entwickelte, war Apfelwein in Preußen ein bekanntes Getränk. Es entstanden sogar einzelne „Apfelwein-Oasen“ mit wirtschaftlich bedeutenden Betrieben. Noch in den 1930er-Jahren bestanden in Berlin und Brandenburg über einhundert Keltereien.

Auch darüber hinaus leistete Preußen im 19. Jahrhundert weitere Beiträge zur Entwicklung der Apfelweinkultur. So gilt Berlin als Geburtsort des Begriffs „Sekt“. Im damals zu Preußen gehörenden schlesischen Hirschberg wurden zudem als „Apfel-Mousseux“ die ersten deutschen Schaumweine hergestellt, was dem Apfel-Sekt einen bedeutenden weinhistorischen Hintergrund verleiht.

Champagner

Doch den ersten schäumenden Wein aus preußischen Landen zu genießen, war Friedrich II. von Preußen nicht vergönnt. Erst ein halbes Jahrhundert später betrat der „schlesische Tüftler und Findikus“ Carl Samuel Haeusler als Begründer der deutschen Sektherstellung mit seinem Apfelschaumweinen die Bühne der Weingeschichte.

Friedrich der Große war – was seine körperliche Statur kaum vermuten lässt – den Genüssen durchaus zugetan. Obwohl überzeugter Preuße, orientierte er sich bei Küche und Keller stark an französischen Vorbildern. Für seinen Hof ließ er sogar französische Köche verpflichten.

Natürlich weckte auch der französische Champagner seine Begehrlichkeit. Zu jener Zeit galt das Schäumen der Weine noch als bestauntes „Mirakel“ der Weinbereitung. Dieses Geheimnis zu lüften, wies sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. von Preußen sogar die Akademie der Künste und Wissenschaften an. Doch diese Geschichte soll an anderer Stelle erzählt werden.

Von Friedrich II. von Preußen ist der Ausspruch überliefert, Champagner sei „das allergesündeste Getränk überhaupt“. Aus historischen Berichten geht hervor, dass er sogar den Kaffee, von dem er täglich mehrere Tassen trank, bisweilen mit Champagner zubereiten ließ.

Trotz seiner Vorliebe für die französische Genusswelt – und bei seiner Wertschätzung der Äpfel sowie seiner Freude am Champagner – ist es durchaus denkbar, dass auch der haeuslersche Apfelschaumwein seinen Weg in den königlichen Weinkeller gefunden hätte.

Umso wahrscheinlicher erscheint dies, da die Frankfurter „Export-Keltereien“ um 1900 ihren „Aepfelwein-Champagner“ an einige der damaligen europäischen Fürstenhöfe lieferten.

Kirschen für den König

Doch seine Liebe galt den Kirschen.

An dieser Stelle sei eine kleine Zwischenbemerkung erlaubt: Wenn in historischen Berichten zu lesen ist, dass Friedrich II. von Preußen an „Treibereien“ großen Gefallen fand und in „Lustgärten“ Entspannung suchte, könnte der Herrscher leicht als Lüstling in ein falsches Licht geraten. Doch dienten die als Lustgärten angelegten Bereiche zwar der Erholung und dem Vergnügen – im Gegensatz zu den Nutzgärten, in denen Obst, Gemüse und Kräuter für den königlichen Haushalt angebaut wurden. Eine „Treiberei“ wiederum war nichts anderes als ein damals so bezeichnetes Treibhaus.

Das Hauptaugenmerk lag somit auf der Selbsterzeugung von Obst und Gemüse – auch an den fürstlichen Höfen. Denn aufgrund der beschwerlichen Transportwege konnten frische Waren nicht über weite Strecken importiert werden.

Die Herrscher dieser Zeit wollten saisonale Einschränkungen ihres Genusses ebenso wenig hinnehmen wie wir heute. Den Hofgärtnern oblag es daher, möglichst ganzjährig eine große Auswahl für die fürstliche Tafel bereitzustellen.

Im Falle Friedrich II. war die Herausforderung noch etwas diffiziler, denn es galt, seiner besonderen Vorliebe für Kirschen gerecht zu werden.

Die gärtnerischen Techniken wurden stetig verfeinert; vor allem war es den „Treibereien“ – den zu Weltruhm gelangten Treibhäusern – zu verdanken, dass Friedrich II. von Preußen fast ganzjährig seiner Leidenschaft für Kirschen nachgehen konnte.

Die Versorgungslücken suchte der Herrscher durch Prämien zu minimieren, die er den Gärtnern zahlte – oftmals bis zu zwei Talern pro Stück für die ersten Früchte. Zum Vergleich: Ein königlicher Hofgärtnergeselle erhielt ein Gehalt von 60 Talern pro Jahr.

Doch auch außerhalb der Saison erzielten die Kirschen hohe Preise: Für den Gegenwert von zehn Kirschen konnte man zwei Kilogramm Rindfleisch erwerben. So verwundert es nicht, dass die Kirschen einzeln verpackt und sorgfältig buchhalterisch erfasst wurden.

Trotz seiner sparsamen Grundhaltung ließ der Herrscher seiner Vorliebe für Kirschen freien Lauf. Es wird berichtet, dass er seinen Morgen stets mit ihrem Genuss begann. Auf seinen Reisen ließ er sich Kirschen nachsenden; selbst auf Schlachtfelder wurden ihm die Früchte gebracht.

So mag beim Eintreffen eines dieser Boten der Ruf durch das Lager gehallt haben: „Kirschen für den König“. Der Ausspruch ist bis heute bekannt, ziert die Etiketten von Aufstrichen und dient als Buchtitel einer Ausgabe der „Potsdamer Pomologische Geschichten“.

Vor diesem Hintergrund erscheint die folgende Geschichte umso einleuchtender: Die größten Konkurrenten um die Leibspeise des Herrschers waren die Spatzen.

Um diese unliebsamen Mitesser auszuschalten, setzte Friedrich einen Lohn von sechs Pfennigen pro Kopf eines getöteten Sperlings aus. Ein Unterfangen, das die Staatskasse innerhalb von zwei Jahren mehrere Tausend Taler kostete. Denn die kleinen Vögel wurden gejagt, gefangen und „auf jegliche Weise vertilgt“.

Bald gab es keine Spatzen mehr – aber ebenso wenig Kirschen oder anderes Obst; dafür umso mehr Raupen.

Nun erkannte der König, dass der Spatz die süße Speise nicht ohne Grund erhalten hatte.

Doch der Widerruf seines Befehls konnte nicht unmittelbar die Situation verändern. Da die Spatzen zu den beständigsten Standvögeln zählen und nur ungern ihre Heimat wechseln, mussten die Tiere aus weiter Ferne beschafft werden. Erneut mussten große Summen aufgewendet werden, um das Gleichgewicht zwischen Vogel- und Insektenwelt wiederherzustellen.

Eine Geschichte, die uns auch heute noch zu denken gibt. Denn welche Folgen gewaltsame Eingriffe in die Natur – „in den Haushalt der Schöpfung“ – bewirken, erfahren und erleiden auch wir zumeist erst im Nachhinein.

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